in Ego

Transsibirische: Petersburg

Die Wolken leuchten grau als der Flieger von oben durch ihre Decke bricht. Die Ostsee-Bucht, an deren Ende Sankt Petersburg liegt, verschwimmt mit dem Himmel, grau in grau. Unter uns Weiden und Plattenbausiedlungen, (grün, rot, beige, grau) durch die mich ein Taxifahrer auf dem Weg zum Hostel im Kern „Pieters“ mitnimmt.

Der Verkehr ist chaotisch, die Luft trägt den Gestank von Abgasen. Baukräne und Baustellen gleichen in ihrer Vielzahl dem Bauwahn Chinas. „Richtig Russisch“ sind für mich zunächst nur die Werbetafeln am Straßenrand und der Radiosender meines Fahrers. Wir wechseln kein Wort und hören „Hiumor FM“: ein wenig Rap und Pop in Landessprache als Begleitprogramm zu Standup-Comedy mit lachendem Publikum. Mein Fahrer ist von der Komik des Programms offenbar wenig beeindruckt, genauso wie von meinem anfänglichen Versuch ihm auf Englisch klarzumachen, wo ich hinwill. Die Adresse steht eigentlich auf der Quittung des Typen, der mir das Taxi gerufen hat, fett daneben steht „Adresse“, aber dessen bin ich mir jetzt nicht mehr sicher.

So unwirtlich es beginnt, je weiter wir uns dem Kern Peterburgs und dem Hostel nähern, desto schöner wirds. Architektonisch gleicht sich die Stadt gen Zentrum dem westeuropäischen Barock und Jugendstil an, die Bürgersteige füllen sich. Abgase haben den Fassaden zugesetzt, doch beeindruckend sind sie trotzdem. Mein Hostel ist im zweiten Stock eines dieser Gebäude und ähnelt einer WG. Die Kneipe, von der ich im Vorfeld gelesen hatte, liegt zufällig direkt darunter. „Terminal Bar“ steht dort in weißen Lettern, doch bevor ich meiner Vermutung ob des Namenursprungs nachgehen kann, begegne ich auf dem Hostelflur zwei Kolumbianern, die in Petersburg studieren. Was folgt ist eine Montage aus gemeinsamen Einkaufen, Kochen, Biertrinken und mit den anderen Gästen weggehen.

„I Show You Secret Location“

Es geht in der Nähe ins Mishka, einer Bar im Souterrain und Flußlauf auf der anderen Straßenseite. Drinnen dröhnt mäßiger House und Eurodance, doch die Gesellschaft ist gut, die Stimmung ausgelassen. Nach Bier für umgerechnet 1,30€ kündigt Mischa, seines Zeichens Petersburger, an, uns zu einem Geheimtip zu lotsen. Der stellt sich als Kiosk mit kalt-weißem Neonlicht heraus, der am Ladenende und hinter drei Treppenstufen einen viel zu gut ausgeleuchteten, urigen Holztresen versteckt. An den Rand gefüllte Vodkashots gibts hier für an Lächerlichkeit grenzende 35 Rubel, also ca. 45 Cent. Weiter gehts zur Dumskaya, vor der ich eigentlich gewarnt wurde, es sei die russische Version der Reeperbahn zu Seemannszeiten. An diesem Donnerstagabend allerdings ist wenig los. Am Straßenrand verkaufen Typen mit Lachgas gefüllte Ballons aus Autos. Wir landen in nem Karaokeladen mit mehreren Floors. Ich ernüchtere auf einen Schlag als ich erlebe wie Russinnen fließend von Hip-Hop-Tanz zu Backstreet-Boys-Routine und russischem Punk übergehen. In High Heels. Der weibliche DJ war zudem der beste Anheizer, den ich je erlebt habe. Ich verehre von nun an den russischen Dance-Gott. Um fünf falle ich schließlich ins Bett. Erst gegen 14 Uhr des angebrochenen Tages falle ich wieder raus.

Russische Gängeviertel

Im Hostel gibt es einige ständige Bewohner, die kein Appartment finden oder wollen. Zum ersten Fall gehören die Kolumbianer — Ausländer werden in der Wohnungssuche stark benachteiligt und sonst auch viel Fremdenhass ausgesetzt, wie Jack aus Kenia später am Newnyi Prospekt ergänzt.

Zum zweiten Fall gehört Mischa, der das rege Leben im Hostel schätzt und wohl als freier Fotograf tätig ist. Er zeigt mir einige kleine Läden und Kneipen in Hinterhöfen zu Hinterhöfen, die Freunde des Hamburger Gängeviertels vor Neid erblassen ließen. Winkel mit DIY-Charme und Ruhe abseits der geschäftigen Ulitzes und Prospekts Petersburgs verstecken hier Fixie-Läden, plattenverkaufende Bars und Buchläden in Bauwägen. Auf dem Weg dorthin fällt mir auf, dass die Petersburger viel Wert auf Augenkontakt legen. Mischa bestätigt, dass es nicht an mir liegt.

Ein anderer Typ im Hostel, Felipe, hat mir auf Nachfrage einen Friseur in der Nähe empfohlen. Der Laden liegt im Souterrain und sieht aus wie das Wohnzimmer eines Tattoo-fanatischen Holzfällers mit Bartstolz. Stechen lassen kann man sich hier auch. Der Besitzer, ein langhaariger Asiate, sitzt auf der Couch vor seinem Laptop und isst Popcorn. Ich habe morgen um 12 einen Termin. Für die Haare.

Zurück im Hostel spielen sie Gitarre. Sting. „An Englishman in New York“.

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