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Transsib: Mongolei im Minibus

Die Fahrt von der Hauptstadt in die Wildnis der Mongolei beginnt mit einer Panne. Am Stadtrand bleiben wir mit dem alten russischen Minibus, der uns vier Tage als Vehikel dienen soll, liegen. Unser Fahrer und der Reiseführer (Otgo) gehen zunächst davon aus, den Fehler an Ort und Stelle beheben zu können; für diese alten russischen UAZ-Modelle nicht unüblich, da sie als alte Militärfahrzeuge so konstruiert wurden, schnell repariert werden zu können. Schnell stellt sich allerdings heraus, dass wir zusätzliche Hilfe benötigen. [nachträgliche Anmerkung: und mehr Fotos]

Erste Landschaften der Inneren Mongolei

Otgo ruft einige Verwandte an, die Hilfe leisten und uns für die Dauer der Reparatur ein zweites Fahrzeug zur Verfügung stellen sollen, um keine Zeit zu verlieren. Derweil überqueren wir Touris die Straße und begutachten einen kleinen, staubigen Platz auf dem Ziegen und Schafe verkauft und auf Pick-Ups gehievt werden. Uns bleibt genug Zeit, mit Händen, Füßen und Taschenrechnern die Händler zu unterhalten, bevor nach einer knappen Stunde die erwartete Hilfeleistung in Form eines silbernen SUVs eintrifft. Mit Otgo fahren wir weiter.

Unser erstes Ziel ist von hier aus der Khustain Nationalpark, wo sich die weltweit letzte Wildpferderasse, die Przewalski-Pferde, beobachten lässt. Man kann sich das nicht vorstellen wie große Mustangherden, die über die Prärie rollen auch wenn dafür sicherlich genug Platz wäre. Stattdessen sind es kleine Gruppen, die an einem Bach grasen und sich sonst herzlich wenig um Beobachter scheren. Zu nah herantreten ist allerdings auch nicht möglich, ohne sie aufzuschrecken. So ist jetzt, und auch später noch, die Landschaft das beeindruckendste an diesem Ort.

 

 

Otgo fordert uns schließlich auf, auf einen der Hügel zu wandern, der eines der umliegenden Gebiete überblickt, während er wieder Wagen wechselt. Als wir den Hügel wieder hinunterstapfen erwartet uns unten der reparierte UAZ und unser rauchender Fahrer. Als nächstes fahren wir zu einer Ansammlung von Sanddünen (nicht auf dem Foto oben), um dort für die erste Nacht unsere Zelte aufzuschlagen. Während wir zwischen Sand, Gestrüpp und Tierknochen Feuerholz sammeln bereiten Otgo und unser Fahrer das Essen vor. Letzteren nennen wir nach dem Essen nur noch Sugarman, weil er sich augenscheinlich nur von Zigaretten und dem Zucker in seinem Kaffee ernährt. Dabei ist das Essen, das wir schließlich am Lagerfeuer zu uns nehmen, sehr gut für eins, das mitten in der Pampa vorbereitet wurde. Ich weiß ehrlich nicht mehr was es war, aber ich erinnere mich, dass es keinen Grund zur Beschwerde gab. Auch bei meinen Mitreisenden nicht.

Als die Nacht einbricht wird uns klar, warum uns empfohlen wurde, unsere eigenen Schlafsäcke gleichzeitig mit denen der Reiseorganisation zu nutzen und angekleidet zu schlafen. Wir sitzen zwar noch am Lagerfeuer, die angekündigten -10°C nachts rücken aber in immer plausiblere Nähe. Als sich der sternenklare Nachthimmel über der Mongolei auftut haben wir nur noch Energie (und Feuerholz) für eine knappe halbe Stunde. Die Zelte haben wir zum Glück schon hergerichtet, sodass wir uns nur noch hinlegen müssen. Mit zwei Schlafsäcken und Kleidung ist es relativ warm, aber nicht warm genug, um sich nicht noch eine weitere Schicht zu wünschen. Immerhin, der Schlaf kommt schnell.

Buddhistische Kloster

Nach einem ausgiebigen Frühstück mit Keksen, Tee, Marmelade und Nutella-Imitat machen wir uns wieder auf den Weg. Das Ziel am zweiten Tag ist Erdene Dsuu, das erste buddhistische Kloster der Mongolei. Die Anlage liegt in einer sehr flachen Gegend in einer sonst recht hügeligen Landschaft. Sie ist von einer beigen Mauer aus Lehmziegeln umschlossen, auf der in Abständen von fünf Metern weiße Kuppeln (Stupas) den Eindruck vermitteln, die Mauer sei nicht zu militärischen Zwecken errichtet worden. Ansonsten fühle ich mich sehr an chinesische Tempelanlagen erinnert: ähnliche Zinn-Schüsseln, nach unten hin abflachende Dächer mit verzierten Giebeln, Steck-Konstruktionen aus Holz, ohne Nägel, Schrauben oder ähnlichem. Nur so gut erhalten ist die Anlage leider nicht. Unter Stalin wurden die Tempel und Gebäude größtenteils zerstört, erst 1990 nahm das Kloster seinen „Betrieb“ wieder auf.

 

 

Eine Führerin erklärt uns, was die Götzenstatuen und Bilder in den einzelnen Gebäuden des Tempels zu bedeuten haben. Viel spannender ist aber der Singsang buddhistischer Mönche, der von einem der Gebäude weniger Museum und mehr aktiver Tempel herüberweht. Anna¹ und ich gehen dorthin als uns die Frau ins eigenständige Erkunden entlässt.

Zwischen zwei Reihen quadratischer Beete führt ein holpriger, schmaler Weg gerade auf den Eingang des Tempels zu. Das Gebäude ist aus weißen Ziegeln gebaut, mit hölzernen und goldenen Ornamenten versehen. Von den zwei obersten Ecken der Gebäudefront ziehen sich zwei Schnüre schräg zum Pfad in den Boden. Daran flattern bunte und fransige Gebetsfahnen munter im Wind. Aus dem Eingang des Gebäudes ertönt immer noch der sonore Gesang einiger vieler Mönche. Der Eingang ist zwar offen, der Lichtunterschied aber so groß, dass ich aus der Ferne nur Schwärze darin erkennen kann. Es ist geradezu magisch, davor zu stehen auf das Gebäude zu starren und den Gesang dazu zu hören. Ich entscheide mich deswegen dagegen, hineinzugehen.

Eine erste Nacht im Ger

Unsere zweite Übernachtung haben wir in der Gästejurte von Freunden der Familie. Wir hatten scheinbar auch Teppiche geladen, die wir bei unserer Ankunft der Familie überreichen: ein junges Paar mit zwei Töchtern zwischen 10 und 4 Jahren. Angeblich haben sie noch eine ältere Tochter um die 14, die zur Schulzeit aber in der Stadt wohnt und nur gelegentlich mit dem Motorrad vorbeischaut.

Während wir mit der Familie zu Abend essen, bringt uns Otgo die wichtigste Tischmanier bei. Gereichtes Essen darf nur mit beiden Händen entgegengenommen und nur mit der rechten Hand weitergereicht werden. Wir essen Teigtaschen, wahlweise gefüllt mit gehacktem Schafsfleisch oder Kartoffeln, ein typisches Gericht in der Mongolei, das uns auch noch die zweite Familie servieren wird. Dazu gibt es dickflüssigen Joghurt aus Ziegenmilch. Die Kinder sind Touristen wohl gewohnt, laufen während des Essens um uns herum und verabschieden sich am Folgetag mit einem schüchternen „Bye bye“.

In der Mitte des Gästegers, in dem wir schlafen, steht zwar ein Ofen, den wir weiter anheizen können solange wir wach sind. Doch im Rücken schleicht sich bereits die Kälte an, die unter den Wänden der Jurte hindurchkriecht. Jurten, oder Gers wie man sie hier nennt, ähneln im Aufbau unserer Zirkuszelte. Das heißt die Wände sind zwar mit Schaumstoff und Decken isoliert, lassen am Boden aber genug Platz, um das Eindringen der Kälte nur minimal zu verschieben statt gefühlt aufzuhalten. Ohnehin gibt es in der Mitte des Zeltdachs ein Loch aus dem das Ofenrohr ragt. Das trägt herzlich wenig zur Isolation bei. Über dieses oder ein anderes Loch klettert nachts irgendwann auch die Katze der Familie in unsere Jurte, springt auf mein Bett und kuschelt sich an meinen Schlafsack.

Bergtempel und Kletterei

Bevor wir uns am nächsten Morgen wieder auf den Weg machen fordert der Familienvater mich noch zum Ringen heraus, Traditionssport in der Mongolei. Ich stimme lachend zu und liege eine halbe Minute später, immer noch lachend, am Boden.

Uns steht eine lange Fahrt bevor. Die Familie verlassen wir in Richtung eines weiteren buddhistischen Tempels, der sich auf einem von Wald umgebenem Berg befindet: Tövkhön Chii. Schon seit gestern befahren wir Pfade, die sich die Bezeichnung „Straßen“ nur durch die Reifenspuren verdienen, die andeuten, dass man nicht der erste oder einzige Fahrer auf dieser Route war. Holprige, unbefestigte Straßen, die kreuz und quer über die Steppen führen und die Insassen durchschütteln wie Körner in einer Maraca.

Doch die Fahrt zum Tempel setzt noch einen drauf. Plötzlich müssen wir uns durch verstreute Felsen hindurchschlängeln, Flusszuläufe durchfahren und an schmalen Berghängen hoffen, nicht wegzubrechen. Es wird wesentlich gebirgiger. Auf der Spitze einer Anhöhe halten wir an, um ins Tal zu blicken, wo sich Flüsse wie Adern durch die Steppe ziehen. An den Ufern weiden Schafs- und Rinderherden, und stehen vereinzelt weiße Jurten. In der Ferne legen sich Wälder über die Berge. Irgendwo dort ist Tövkhön Chii.

Der Tempel ist mit unserem Gefährt nicht so ohne weiteres zu erreichen. Wir sind schon eine ganze Weile in den Wald hineingefahren, als wir zu Fuß weiter müssen. Es ist ein langer, relativ steiler Anstieg durch von Regen zerfurchte und von Wurzeln überwucherte Feldwege. Oben erwartet uns jedoch eine Lichtung: kleine grünbedachte Häuschen, zwischen denen eine Treppe auf den riesigen Felsbrocken dahinter führt. Zwischen den Bäumen am Rand der Lichtung sind blaue und lilane Gebetsfahnen gespannt. Der Fels vor uns ist in mehrere Etagen aufgeteilt. Die erste Treppe führt zu einem kleinen Hof umgeben von roten, mannshohen Holzzäunen. Hier oben ist es durch die Sonne immer noch sehr warm, doch man spürt den Wind bereits, der über die umliegenden Wälder hinwegweht. Schutz davor bietet der kleine Tempel, der sich im Hof befindet, doch wir möchten auf die höheren Etagen.

Richtige Treppen gibt es hier nicht mehr. Wer auf die Spitze will, kann sich anfangs noch an einer Eisenkette festhalten, die als Absperrung im Fels verankert ist. Doch um ganz an die Spitze zu gelangen, muss an einigen Wänden frei geklettert werden. Griffe und Stufen gibt es genug, aber es wird einem doch mulmig dabei, wenn der Wind um die Ohren pfeift. Ganz oben ist ein Altar mit runden (männlichen) Steinen aufgestapelt worden. Den Altar umrunden wir Männer dreimal, nachdem wir in einer kleinen Öffnung einen Geldschein angezündet und uns vor dem kleinen Buddhaporträt verneigt haben. Frauen dürfen das Plateau mit dem Altar nicht betreten.

Immerhin, die Sicht von hier oben ist phänomenal. Ein Meer aus Bäumen, rostrot und braungelb, bedeckt die Mongolei von hier aus soweit das Auge reicht.

Fußnoten ¹ Name geändert.

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